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Projektbericht "Halten und Gehalten Werden"

 

Gespräch:

SchülerInnen: Lena Zingsheim, Simon Winzer, Sarah Padeken
Lehrer: Gerd Schaeben, Peter Blomert
Zusammenfassung des Gesprächs: Peter Blomert

1. Die Idee

Im Rückblick sind drei Ideenstränge identifizierbar, die in dem endgültigen Projekt zusammengeflossen sind:
Der erste Strang: Der Leistungskurs Deutsch hatte sich für die Projektwoche zu Beginn des 12. Jahrgangs (November 2010) vorgenommen, gemeinsam mit einem Künstler Vaago Weiland (vermittelt durch den LK-Lehrer Gerd Schaeben, der bereits aufgrund früherer gemeinsamer Projekte Kontakt zu Vaago Weiland hatte) Pläne zu entwickeln, wie sich die SchülerInnen zum Abschluss ihrer Schullaufbahn mit einem Kunstprojekt in der Schule verewigen könnten.
Der zweite Strang: Das alte, seit langem zerstörte und daher funktionslose Vordach der Schule vor dem Eingang der Schule war eine hässliche gelbe Stahlkonstruktion aus Säulen und Querträgern. Seit langem suchte die Schule nach einer Möglichkeit, das Dach entfernen zu lassen. Im Spätsommer 2010 waren die Querträger von einem Schrotthändler demontiert und abtransportiert worden, die Säulen aber blieben - sie zu entfernen war zu teuer. Die Schulleitung suchte dringend nach einer Möglichkeit, diese Säulen durch künstlerische Aufbauten von einem Schandfleck in ein ästhetisches Statement der Schule zu verwandeln.
Der dritte Strang: Der LK Deutsch beschäftigte sich mit den Epochen des Barocks und der Romantik - diskutierte engagiert in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe, Zusammenhalt, Vergänglichkeit und verband diese Diskussion natürlich auch mit den heutigen Sichtweisen der Schülerinnen und Schüler. Da das Projekt nach dem Start in der Projektwoche vor allem die Stunden des LKs für die Fertigstellung nutzen wollte, sollten auch diese Themen des LKs in das Projekt einfließen.

2. Die Diskussion

Die Diskussion innerhalb der Projektwoche führt  zu ersten grundsätzlichen Entscheidungen der SuS: "Wir wollen uns selbst auf den Säulen präsentieren, schließlich sind wir, die Schülerinnen und Schüler, der Mittelpunkt der Schule!" (Simon). Die Anbindung an die Thematik der Epochen Barock und Romantik wird von den SuS zurückgewiesen - "zu eng, das ist nur ein Thema des Deutsch LK, nicht allgemeingültig genug..." (Simon). In der Diskussion mit Vaago Weiland wird dann die Idee geboren, zentrale Motive der Schulerfahrung der Schülerinnen und Schüler in das Projekt einzubringen: "Hier arbeiten wir zusammen und gegeneinander, hier unterstützen wir uns, hier stehen wir im Wettbewerb, hier streiten und vertragen wir uns ..." (Sarah). Dies findet allgemein Anklang: beim Künstler, der diese Ideen im späteren Motto des Projektes "Halten und gehalten werden" zusammenfasst, beim begleitenden Lehrer Gerd Schaeben, der den Bezug dieser Fragestellungen zu den Diskussionen im LK herstellen kann und auch bei der Schulleitung, die in diesen Kernbegriffen den Geist der Schule wiederfindet.

3. Von der Idee zum Papier

Erste Versuche, diesen Grundgedanken eine bildlich/körperliche Form zu geben, führen zu Tonskulpturen einzelner Figuren, um Haltungen und Positionen zu finden, die der grundlegenden Idee Ausdruck verleihen können. Danach erstellen die SuS körpergroße Schattenrisse, die als Vorlage für die Stahlskulpturen dienen sollen.
Die Ergebnisse sind enttäuschend: "Die Schattenrisse sind nicht genau genug - Man erkennt uns ja gar nicht!" (Lena). Vaago, der bei der Erstellung der Schattenrisse nicht anwesend sein konnte, hat noch eine andere Kritik:
"Müll! Langweilig! Die Positionen müssen viel extremer sein, da muss Spannung rein!"(Vaago, zitiert nach Lena) -
Also alles noch einmal! Damit beginnt ein intensiver Prozess der Selbst- und Gruppenfindung bei den SuS (Gerd Schaeben): Die SuS diskutieren ausführlich in ihren Gruppen  (Wie will ich mich positionieren?-Wer hält wen?-Wer übernimmt welche Rolle in der Konstellation?-Welche Position passt zu mir?). Wieder werden die Figuren auf Papier übertragen - diesmal legen sich die SuS in der von ihnen gewählten Position auf das Papier, so dass die Konturen präzise übertragen werden können - kein leichtes Unterfangen: "Nach zwanzig Minuten in meiner Haltung hatte ich dass Gefühl, meine Bänder würden jeden Moment reißen..."(Simon)

4. Vom Papier zu den Skulpturen

Nach 6 Monaten der große Schritt - es geht in die Werkstatt, die Arbeit mit dem Stahl beginnt. Für viele Mitglieder der Gruppe eine völlig neue Erfahrung - schon die angemessene Kleidung ist ungewohnt: "Ich hatte Leggings an und leichte Schuhe, da hat Milo (der Werkstattleiter) mich erst mal beiseite genommen und mir einen Overall und feste Schuhe verpasst - leider gab es statt Größe 36 nur noch Größe 40!"(Lena) Die Gruppe erfährt, dass Kunst eben auch Handwerk bedeutet - und Schwerstarbeit: Stahlplatten schleppen, mit dem Schneidbrenner hantieren, schweißen, Schweißnähte säubern und entgraten... Milo ist eine große Hilfe und Vage ein gnadenloser künstlerischer Leiter mit kompromisslosen Qualitätsanforderungen!
Der Wechsel von der 12 in die 13 stellt die Projektgruppe vor neue Herausforderungen: Die Arbeit am Projekt findet jetzt zusätzlich zum Unterricht statt, einzelne Mitglieder haben die Schule nach der 12 verlassen, arbeiten aber im Projekt weiter mit, andere kämpfen mit Motivationsproblemen - die Gruppe erfährt ihr eigenes Motto "Halten und gehalten werden" am eigenen Leibe... Das ganze Jahr über müssen die SuS im Arbeitsbezug zueinander finden, sich gegenseitig motivieren, gemeinsam Zwischenergebnisse (Schattenrisse, Haltungen, Konstellationen etc.) bewerten, kritisieren, annehmen oder verwerfen, für einander einspringen, wenn jemand verhindert ist...
November 2011: Beinahe fertig! Die letzten Figuren werden zu Konstellationen zusammengeschweißt, LKW und Kran sind bestellt, die Zwischenlagerung in der Schule (Angst vor Stahlräubern!) ist geregelt - Alles bereit für den großen Tag!

5. Der große Tag

19.11.2011, 9:30 Uhr - der Kran steht auf dem Schulhof zwischen den Säulen, der Säulenbereich ist mit Flatterband abgesperrt, unter strenger Aufsicht des Kranführers hängen die SuS eine Figurenkonstellation nach der anderen in die Tragschlaufen des Krans, der sie elegant zu ihrer Säule transportiert. Milo und Vage verschrauben und verschweißen die Konstellationen auf den Säulen. Besucher umringen staunend den Säulenbereich, SuS des sechsten Jahrgangs rufen begeistert: "kuck mal, das sind ja wir!", Presse und Lokalfernsehen begleiten die Montage. “Endlich wird dieser Raum lebendig!" sagt ein Lehrer.
Es hat sich gelohnt - "Wir gehen heute noch in der Schule regelmäßig Umwege, um an den Skulpturen vorbeizugehen - und jedes Mal freuen wir uns!"(Lena, Simon, Sarah)
Der Projektgruppe ist es gelungen, „eine in dieser Form in Mönchengladbach noch nicht dagewesene Stahlskulpturen-Installation zu schaffen“(Vaago)!